Samstag, den 9. September 2006, 22:25 -
Runners Couch

Und der Mönch schaut zu.
Und der Eiger ebenfalls. Spätestens jetzt ist klar, dass hier die Rede von der berühmten Schweizer Bergkette Eiger, Mönch, Jungfrau ist. Seit 1993 hat sich dort eine Marathonveranstaltung etabliert, deren Mythos Läufer aus aller Welt anzieht. So dieses Jahr auch mich.

Der Jungfrau-Marathon.
Wegen der faszinierenden Landschaft, durch die der Kurs führt, gilt dieser Lauf als der schönste Marathon der Welt. Und das ungewöhnliche Streckenprofil macht ihn zudem zu einem sehr harten Lauf. Auf den 42,196 Kilometern von Interlaken bis zur kleinen Scheidegg sind 1829 Höhenmeter aufwärts zu bewältigen. Und die 305 abwärts bringen auch keine echte Erholung.
Ich hatte viel über diesen Wettkampf gehört und gelesen. Anderthalb bis zwei Stunden solle man auf die „normale“ Marathonzeit draufrechnen, aber was ist bei mir schon normal. Dementsprechend wenig wollte ich dem Zufall überlassen und habe die Vorbereitung doch recht intensiv hinbekommen. Gut 3 Monate habe ich reingesteckt. Dabei 867 Kilometer in 83 Stunden (netto) zurückgelegt. Das waren meist 65-70 Kilometer und 6-7 Stunden pro Woche.

Auf jeden Fall wurde ich am Tag X schon mal mit perfektem Wetter belohnt. Der Blick aus dem Fenster beim Aufwachen auf die weiße Jungfrau vor blauem Himmel ließ das Adrenalin steigen. Und so standen Georg und ich in gespannter Erwartung in Mitten der übrigen gut 4.000 Mitläufer. Pünktlich um 9:00 Uhr fiel der Startschuss und der Lindwurm setzte sich zunächst zum Schaulaufen durch Interlaken in Bewegung. „Nur nicht zu schnell los.

Die Körner brauchst du noch später am Berg!“ war der Ratschlag, den es zu beherzigen galt. Gar nicht so einfach, denn die äußeren Bedingungen und die Stimmung waren einfach traumhaft. Mit ca. 5:40 Minuten auf den Kilometer haben wir aber unser Wohlfühltempo gefunden und genossen die ersten zehn flachen Kilometer über Böningen bis Wilderswill.

Auf dem folgenden Abschnitt ging es konstant aber moderat bergan, bis wir in Lauterbrunnen die Halbmarathon-Markierung passierten. Rechts und links türmten sich alsbald steil die Felshänge auf. „Wie soll man denn da hoch?“ war die meistgestellte Frage bei den Läufern rundum. Nun, wenig überraschend gab einen Weg, aber es war sofort klar, warum der Streckenabschnitt zwischen Kilometer 26 und 28 „Die Wand“ heißt. Laufen ist hier nicht mehr möglich – zumindest in meiner Leistungsklasse, so dass wir gehend die jubelnden Zuschauer in Wengen erreichten. Ab hier wurde es ein Mix aus Laufen und Gehen. Obwohl ich merkte, dass Georg den Berg schneller als ich hoch könnte, habe ich mich noch gut gefühlt. Alsbald wurde man für die bisherigen Strapazen auch mit einem sagenhaften Blick auf die Namensgeberin der Veranstaltung belohnt.
Irgendwo bei Kilometer 34 oder 35 passte dann irgendwas bei mir nicht. Auch eine Woche später weiß ich noch nicht genau, was und wie sich das bemerkbar machte. Ich weiß nur, dass ich mal kurz pausierte, mir den Trinkgurt abschnallte und ein paar Minuten und einen Aufstoßer später wieder weiterlaufen konnte. Georg hat sich nun endlich überreden lassen, alleine loszuziehen. Und ich trabte weiter. Leider hat sich die kurze Magendruckpause negativ auf die Muskeln ausgewirkt.

Laufen funktionierte nicht mehr. Waden wie Oberschenkel balancierten immer auf dem schmalen Grad zum Krampf entlang. Die Bergwelt ließ sich dabei nicht wirklich mehr genießen. Also machte ich aus der Not eine Tugend und guckte mir bei den zahlreichen Massage-Stationen eine nette Masseurin aus und ließ mir die Muskeln lockern. Genial, so zu sitzen, die Berge vor einem, und den Krampf aus den Beinen verschwinden zu fühlen. Ich träumte vor mich hin. Das hätte stundenlang so weiter gehen können, aber irgendwann kam ich dann doch in die Realität zurück und ich bin weiter.

Das schwerste Stück stand noch bevor. Die Moräne hoch bis zum Jungfrau Gletscher, wo der berühmte Dudelsackspieler den höchsten Punkt der Strecke markiert. Obwohl nur noch 3 oder 4 Kilometer entfernt, sollte es noch sehr lange dauern, bis ich in zu sehen bekam. Die Bunte Perlenschnur von Läufern, respektive an dieser Stelle: Gehern, die auf dem Grat nach oben strebte, gab nur einen vagen Vorgeschmack. Der Einstieg in die Moräne gelang noch gut. Aber ungefähr bei Kilometerschild 39 spürte ich das Bedürfnis, mich mal kurz ins Gras zu setzen. Es war nicht das sonst bei mir übliche Kopfproblem, auch waren die Beine in Ordnung.

Der Magen fühlte sich zwar besser, nachdem ich erneut den Trinkgurt abnahm, aber ein konkretes Magenproblem konnte ich nicht ausmachen. Also wieder auf. Ich merkte deutlich, wie ich die nachfolgenden Leute aufhielt und setzte mich erneut. Die zehn Alphornbläser am Steilhang wirkten bestimmt beindruckend vor der imposanten Bergkulisse, aber dafür hatte ich in dem Moment leider kein Auge. Wanderer, die uns entgegenkamen, boten mir Wasser an, was ich dankbar annahm. Das Wechselspiel von einigen Schritten gehen und Ausruhen wiederholte sich noch ein paar mal, wobei die Anzahl der Schritte immer weniger wurde. Dann, nach erneutem Antritt, an der gefühlt steilsten Stelle, merkte ich, wie sich mein Magen um 180° zu drehen begann. Weitere Details spare ich mir hier.

Aber danach ging es mir wieder richtig gut. Oder sagen wir: den Umständen entsprechend. Der Kilometer zwischen 39 und 40 wird jedenfalls mit 42 Minuten als der längste in meine Geschichte eingehen. Fast leichtfüßig kam ich beim Dudelsackspiele an und konnte die letzten anderthalb Kilometer sogar fast genießen bevor ich acht Minuten vor Zielschluss endlich die
Ziellinie überquerte.
Ich hab’ mich zwar über meine Krise im letzten Abschnitt zunächst geärgert, aber nach einer Woche ist dieser Ärger weg. Er ist der Zufriedenheit darüber gewichen, trotz dieser Krise angekommen zu sein. Und die rundum gelungene, perfekt organisierte Veranstaltung sowie die wunderschönen Gegend lassen meine Gedanken schon wieder in Richtung einer neuerliche Teilnahme schweifen.